Der Abgang eines/einer CEO von der Bühne des Unternehmenstheaters birgt ein Moment der Überraschung. Drei aktuelle Beispiele:
René Obermann,
Peter Voser,
Joe Hogan.
Wie kommuniziert man einen Abgang und was danach? Viele CEOs verschwinden in der Versenkung und tauchen gelegentlich unglücklich wieder auf. Aber der Reihe nach. Auf 5 Punkte kommt es an:
René Obermann verdient die Bestnote aus fünf
Gründen: erstens machte er klar, wohin er
wechseln würde; zweitens sagte er
weshalb; drittens gab er einen Nachfolger bekannt; viertens gibt es
eine breite
Übergangsphase; fünftens darf der Nachfolger jetzt schon nach aussen auftreten
und sich äussern. [Obermann geht zum niederländischen Kabelnetzbetreiber Ziggo;
Begründung ist der Wunsch nach mehr Nähe zu Kunden, Produkten und Technik; Nachfolger
ist Timoteus Höttges als bisheriger Finanzchef; Zwischen Ankündigung und
Wechsel 12 Monate; Aussenauftritt Höttges beispielsweise anlässlich FCB Aufsichtsratssitzung.]
An diesem Massstab gemessen, bekommt Peter
Voser von Shell 3 Punkte. [Lehnte andere Angebote ab; Begründung Familie ist
dadurch tatsächlich glaubwürdig; zwischen Ankündigung und Wechsel 8 Monate;
aber kein Nachfolger.]
Nun zu Joe Hogan von ABB: 1 Punkt. Einzige
Verlautbarung: Hogan wird so lange bleiben, bis ein Nachfolger gefunden wurde.
Weshalb ist das alles bedeutsam? Nun, es sagt
eine Menge über Konflikte im Aufsichtsrat: es zeigt, wie gut das Unternehmen
geführt ist und wie nachhaltig Geschäftsleitung und Aufsichtsrat zusammenarbeiten.
Wie macht man es richtig? Auf jeden Fall macht
man es als CEO nicht selber! Sondern so wie in diesem Beispiel von Unilever aus 2008.
Das ist wie aus dem Lehrbuch. Zunächst wird die Nachricht überbracht:
„Unilever hat bekannt gegeben, dass Patrick Cescau, Group Chief Executive,
zum Jahresende zurücktreten wird. Er arbeitete 35 Jahre für das Unternehmen und
hat Unilever die letzten vier Jahre geführt, zunächst als Chairman, dann erster
Group Chief Executive des Unternehmens.
Das Board hat die Absicht, Paul Polman, 52, derzeit bei Nestlé
Executive Vice President and Zone Director Amerika, als Nachfolger zu ernennen.
Die Ernennung soll auf einer außerordentlichen Aktionärsversammlung im Herbst
erfolgen. Paul Polman wird die Aufgaben als Group Chief Executive nach einer
sorgfältigen Einarbeitungszeit übernehmen.“
Damit sind alle Beteiligten genannt. Nun geht
es an die Ehrbezeugungen. Zunächst wird formvollendet der abtretende CEO gewürdigt:
„Unilever Chairman Michael Treschow:
Patrick hatte eine hervorragende Karriere. Wir stehen tief in seiner Schuld für
die Neugestaltung des Geschäfts in den letzten vier Jahren. Die Geschäftsergebnisse
haben sich unter seiner Leitung deutlich verbessert. Gleichermaßen geschätzt
und bewundert, hinterlässt Patrick eindrucksvolle Spuren.“
Dann wird dem neuen CEO die Ehre erwiesen: „Gleichzeitig
freuen wir uns sehr, Paul Polman willkommen zu heißen. Er ist ein großes Talent
mit hervorragender internationaler Erfahrung und einer außergewöhnlichen
Erfolgsgeschichte. Er hat all die Eigenschaften, die nötig sind, um auf
Patricks Erfolgen aufzubauen. Wir sind erfreut, dass er sich bereit erklärt
hat, Unilever in die nächste Stufe der Entwicklung zu führen.”
Jetzt darf der scheidende CEO etwas Eigenes
sagen: „Vor vier Jahren sind wir aufgebrochen, Unilever umzugestalten und das
Geschäft wieder auf Spur zu bringen. Ich glaube, dass diese Arbeit weitgehend
abgeschlossen ist, so dass nun genau der richtige Zeitpunkt ist, das
Staffelholz zu übergeben. Es war ein außerordentliches Privileg, ein so großes
Unternehmen zu führen. Ich verlasse es mit Stolz auf das Erreichte und mit
großem Vertrauen in die Fähigkeit des Unternehmens, die vor ihm liegenden
Chancen zu nutzen.“
So eine öffentliche Erklärung beruhigt nicht
nur die Aktionäre, sondern alle anderen Stakeholder, vor allem auch die
Mitarbeiter des Konzerns. Fazit: Dier hier angekündigte Paul Polman ist seit 1.
Januar 2009 im Amt, unter seine Führung hat das Unternehmen seine jährliche
Wachstumsrate (underlying sales growth) von 3.5 auf 6.9% im Jahr 2012 gesteigert.
Dies ist nur ein Ergebnis der Polman’schen Kampagne „Making Unilever Fit to
Compete“.
Wie verkündet ein CEO seinen Rücktritt, wenn
es – sehr traurig - niemand anderer für ihn tut? Jonathan Schwarz, der CEO von Sun Microsystems, verkündete seinen
Rücktritt im Januar 2010 über Twitter, siehe oben. Nach der Übernahme von Sun
durch Oracle gab es für ihn keine Verwendung mehr.
Als Clemens
Joos nach einem knappen Jahr als CEO von BenQ Mobile
zurücktrat, gab er keine Begründung ab. Der ehemalige Siemens Manager war nach
der Übernahme der Siemens Handy-Sparte durch den taiwanesischen Hersteller BenQ
mit Ärger, Entlassungen, Insolvenz, Strafanzeigen ehemaliger Mitarbeiter gegen
ihn persönlich und eventuell sogar Schadensersatzforderungen des Insolvenzverwalters
konfrontiert. So gab es kein Lob bei seinem Abgang und keine Höflichkeitsbezeugungen
des taiwanesischen BenQ Managements.
Lothar
Pauly, zuletzt Vorstand bei T-Systems, verschwand
ebenso plötzlich und ohne Anerkennung aus einer Position mit Prestige. Er
tauchte auch nie wieder in der breiten Öffentlichkeit auf (doch: Im Sommer 2010
auf der letzten Seite des manager magazin
unter der Überschrift: „Was macht eigentlich …“). Paulys Vergangenheit bei
Siemens hatte ihn eingeholt (da war er ironischerweise mitverantwortlich für
die Konstruktion BenQ Mobile gewesen). Zuletzt als Bereichsvorstand des
Telekommunikationsbereiches Siemens COM tätig, vermuteten manche, dass Pauly in
die Schmiergeldaffäre verwickelt sein könnte, welche Siemens Millionen an
Strafzahlungen und Reputation gekostet hat.
Der Telekom Aufsichtsratschef Klaus Zumwinkel soll darauf gedrängt haben,
Lothar Pauly bei T-Systems sofort abzusetzen. Pauly trat im Mai 2007 von seinem
Posten als CEO zurück, „um Schaden vom Telekom-Konzern fernzuhalten“, wie die
offizielle Meldung sagte. Das war eine wahnwitzige Konstellation, weil Klaus Zumwinkel
etwas später selbst vor Gericht gestellt wurde und nicht nur Schaden auf die
Post, wo er CEO, sondern auch auf die Telekom lenkte, wo er Aufsichtsratschef
war.
Besonders unrühmlich war schliesslich der
Abgang Heinrich von Pierers als
Aufsichtsratschef im April 2007 bei Siemens. Doch zumindest wahrte man bei
Siemens die Form und verabschiedete ihn nach 38 Jahren Konzernzugehörigkeit –
wenn auch etwas verkniffen: „Pierer hatte mit seiner Entscheidung die
Voraussetzung für eine personelle Neuausrichtung geschaffen. Er gehörte seit
28. Januar 2005 dem Aufsichtsrat an und führte seitdem auch den Vorsitz in
diesem Gremium. Der Aufsichtsrat dankte Pierer ausdrücklich für seine jahrzehntelange
exzellente Arbeit für Siemens und seine herausragenden Verdienste um das
Unternehmen.“
Wichtig ist:
- Wenn Sie
selbst gehen: auf Anfrage eine ultra-knappe wahre Begründung liefern.. Die
Pressemitteilung positiv abfassen lassen (darauf drängen, u.U. juristisch).
- Wenn Sie
aufgefordert werden zu gehen: eine einvernehmliche Presseerklärung, die Ihre
Verdienste um das Unternehmen würdigt. Je länger Sie CEO waren, desto länger
muss die Erklärung ausfallen, siehe Polmann.
- Wenn Sie
aus Altersgründen oder anderen strukturellen Gründen (Merger etc) abtreten,
dann muss der Aufsichtsratschef Sie würdigen und die Sachlage erklären, siehe
Treschow über Cescau bei Unilever.
(C) Susanne Müller-Zantop 2013