Monday, October 31, 2011

Zürich im Herbst: grundlos optimistisch

(30.10.2011 - smz) Grundlos optimistisch: das Schweizer Wirtschaftsleben. Blitzlicht auf einige Beobachtungen der letzten Woche:

Es begann mit dem sechsten Schlag ins Gesicht für den UBS-CEO Sergio Ermotti, dem die Montagszeitungen diesmal vorwarfen, eine grundfalsche Personalentscheidung getroffen zu haben. Der Chef der fünftgrössten Bank der Welt hat Anfang Oktober einen Landeschef in Italien installiert, welcher aus seinem früheren Job jetzt der  Bilanzfälschung und Kursmanipulation angeklagt ist. Vielleicht sollte sich Ermotti auf diesem Chefsessel an einen Skandal pro Woche gewöhnen, die UBS wird vom Pech verfolgt.

Die UBS machte auch den Anfang in der Gerüchteküche für die Boni 2011. Sie bleiben eventuell ungekürzt - wir werden es in den kommenden Wochen erfahren. Ein amerikanischer Geschäftsfreund sagte voraus, dass die Boni unverändert hoch bleiben und dass Bewegungen wie 'Occupy Paradeplatz' Investmentbanker sehr wenig beeindrucken.    

Wirtschaftsminister Johann Schneider-Amman sprach beim Swiss-American Chamber über alles Mögliche, unter anderem darüber, dass das neue Schweizer Parlament von vielen Newcomern besetzt werde, denen die Auslandserfahrung fehlt. Diese entscheiden aber mit, wenn es zum Beispiel um  bilaterale Handelsverträge mit Indien geht, welche komplizierte Regeln für Intellectual Property umfassen (für die Schweizer Pharmaindustrie wichtig, weil in Indien Medikamente von Firmen wie Novartis oder Roche copyrightfrei nachgeahmt werden).

Kommt die Rezession in die Schweiz oder kann sich das Land konjunkturell von Europa abkoppeln? Eine sanfte, aber ausgesprochene Warnung vor einer Rezession kam von Schneider-Amman. Eigentlich wollte es niemand im Raum glauben. 2008 war man mit einem blauen Auge davon gekommen, die Währungsprobleme von 2010/2011 scheinen im Griff zu sein. Wieso sollte es nicht wieder gut ausgehen? (Bilder: Markus Senn)

Inzwischen findet sich in fast jedem Schaufenster der Hinweis auf versteckte Euro-Rabatte, sei es beim Globus an der Bahnhofstrasse oder bei Coop. Der Schweizer Einzelhandel hat der offiziellen Statistik zufolge minus 1 Prozent gemacht, Insider sprechen jedoch von bis zu 10 Prozent. Optimismus aber auch hier, vermutlich ist der Optimismus Geheimwaffe gegen die Rezession.

Gänzlich frei von Sorgen zeigte man sich deshalb am Freitag Nachmittag im Park des Hotel Baur au Lac, wo Gigi Kracht bis zu 380 Kilo schwere Bronzeplastiken von Igor Ustinv ausstellte. Ihr Mann Andrea Kracht, Besitzer des Baur au Lac in der dritten Generation und Chairman von "Leading Hotels of the World", war mit Igor Ustinov zusammen in die Schule gegangen.

Mit der Eröffnung von "Zürich liest" ging die Wirtschaftswoche zu Ende. Im Literaturhaus traf sich das Bildungsbürgertum zu einer Lesung von Fabio Pusterla (deutsch: Armin Berger) und wir fragten uns, weshalb die Freunde der Literatur so schlecht angezogen sind. Am Geld kann es in Zürich nicht liegen, viele der Anwesenden haben nie in ihrem Leben arbeiten müssen.    
 

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