(4.12.2011 - smz) Dies ist eine leise Geschichte und sie sollte auf Deutsch erzählt werden.
Die Geschichte handelt von Adrian Kohler, der seit 2003 zeitweilig gleichzeitig CEO und CFO der Firma Ricola war, bis er sich dann am 24.11.2011 umgebracht hat. In dieser Spanne von Jahren hat sich der Hersteller von Kräuterbonbons prächtig entwickelt. Man hat es geschafft, eine übermässige Diversifikation zu vermeiden, den Umsatz um 200% auf 300 Millionen CHF zu steigern, man hat sich in mehr als 50 Länder verbreitert.
Kohler warf sich mit 53 Jahren vor einen Zug, nachdem er sich zwei Tage zuvor in einer Verwaltungsratssitzung wegen finanzieller Unregelmässigkeiten selbst angezeigt hatte. Es handle sich um 'wenige Hunderttausende Franken' (es lebe die Schweiz, in Deutschland hätte das anders geklungen), sagte der Firmensprecher und bestätigte, dass der CEO in dieser Sitzung beurlaubt worden sei. Der VR-Präsident Richterich beschreibt das Geschehen auf der Ricola Website persönlich.
Wie kommt so etwas zustande? Unser Bedürfnis nach Kausalität sucht sofort nach einer Geschichte: wurde Geld unterschlagen? Hat die Polizei den CEO so bedrängt, dass er kopflos wurde und sich umbrachte? Steckt eine schöne Frau dahinter? Hat die Firma eine Gewinnwarnung auszusprechen aufgrund des starken Frankens (90% Auslandsumsatz)?
Wir wissen es nicht. Ich hätte es vielleicht herausfinden können, aber als ich den ersten Journalistenkollegen angerufen hatte, wurde mit klar, dass man den Fall auf sich beruhen lassen soll. Lukas Hässig, der ansonsten unnachgiebig recherchiert, sagte Dinge, die fein klangen, einfühlsam. Ich freute mich darüber und hörte mit dem Telefonieren auf, ohne dass er mich dazu aufgefordert hätte. Die Ricola-Belegschaft wurde nach Hause geschickt, als die Polizei das Gelände durchsuchte. Für eine Woche stoppte das Unternehmen TV-Spots und hielt sich in sozialen Netzen zurück. Die Bitte des Präsidenten um Ruhe wurde respektiert.
In den letzten Tagen wurde in einer eigenartigen Parallele bekannt, wie anders englische Journalisten mit Leuten umgehen. Phone-hacking ist nur eine der Taktiken, mit denen der Alltag zur Hölle werden kann. Schauspielerin Siena Miller wunderte sich, weshalb Fotografen immer schon genau an dem Ort waren, den sie mit Freunden als Treffpunkt ausgemacht hatte. Einem Kind von Joanne K. Rowling ("Harry Potter") wurde die Nachricht eines Journalisten an die Mutter in den Schulranzen geschoben. In die Wohnung von Schauspieler Hugh Grant wurde eingebrochen, ohne etwas zu stehlen. Dafür wurde aber in den nächsten Tagen eine detaillierte Beschreibung seiner Wohnung veröffentlicht.
Ich habe mich gefreut, dass die Schweizer Journalisten den Fall Kohler mit relativer Zurückhaltung beschrieben haben. Und dass er schnell wieder aus der Presse heraus war. Es passt zum Land, es passt zur Jahreszeit und es passt dazu, dass CEOs eine Privatsphäre brauchen. Seine Frau und seine beiden Kinder, aber auch der Firmeninhaber und die Belegschaft werden dankbar sein.

2 Kommentare:
Liebe Susanne,
Eine Geschichte zu Nachdenken.
Andererseits: Ich wusste nichts davon. Jetzt weiss ich es.
Ist das im Sinne der Geschichte?
Und ausserdem bin ich - trotz all Deiner guten Argumente - neugierig geworden. Nicht persönlich aber im Sinne von: Ist das wieder ein Fall von jemamdem, der sich über das Gesetz stellt? Jedenfalls bis zu seiner Selbstanzeige. Was hat ihn getrieben? Oder: Ist das ein Stoff für's das Theater?
Liebe Grüsse
Kurt
Das klingt für mich wie eine klassische Burnout-Situation: Überbewertung eigene Fehler und Verlust von Selbstkontrolle.
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